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Ystorica - Buchbesprechung

BUCHBESPRECHUNG

 

Ystorica.

Marie Karolsson

Weishaupt Verlag 2009

ISBN 978-3-7059-0301-2

 

Ein atemberaubender utopischer Roman. Er offenbart ein Universum aus tiefsinnig-philosophischen bis zeitkritischen Betrachtungen voller Leidenschaft, in spannende Geschichten verpackt, welche gekonnt formuliert die LeserIn von Beginn weg in ihren Bann ziehen. Wer sich in die schwarzen Pfade der Druckerschwärze vertieft, bei dem bleibt die Küche kalt.

 

Alles beginnt mit einem Attentat auf einen atlantidischen Domine auf der Erde und seinen Visionen im Überlebenstank, in denen er einem Erdenmenschen begegnet, der aus einer Zukunft 400 Jahren nach unserer Zeit stammt. Die Intensität der Gefühle, die die beide Männer miteinander teilen, gibt dem einen die Kraft zu überleben und dem anderen die Energie, sich durch die weißen Pfade des Hyperraumes in die Gegenwart zu katapultieren.

 

Mir als Leserin gaben diese leidenschaftlichen Gefühle die Energie, zweimal die 460 Seiten zu lesen, die von einer steirischen Autorin verfasst wurden. Mit einem ungeheuren Scharfblick sieht sie eine mögliche Zukunft voraus, wie sie sich entwickeln könnte, wenn die Atlantiden, die vor 40.000 Jahren die Erde verlassen haben und nun mit ihrem tausend Jahre alten Kugelraumschiff die Erde wieder besuchen, um Rohstoffe für ihren Planeten im Sternensystem von Epsilon Eridani zu erwerben und den Genpool ihres aussterbenden Planeten zu erweitern.

Den ersten Teil des Romans erzählt Chatall Kha’tan, Domine des Clans der Kha’tan und Navigator der Ystorica, des größten Raumschiffes der Atlantiden. Seine Sprache ist getragen, seine Wortwahl passt zu einem hochintelligenten, aber auch weisen Aristokraten, seine Gedankengänge und Sichtweisen sind atlantidisch.

Chatall Kha’tan versucht durch seinen Kontakt mit der Erde die Geschicke der antriebslos,  dekadenten Feudalgesellschaft von Atlantis zu verändern. Ihre Raumschiffflotte besteht gerade noch aus fünf Schiffen, von denen die Ystorica das größte ist. Lydia’nah, seine Kondormantin, befehligt die Lheka, ein zweites, aber kleineres Kugelraumschiff. Die übrigen gehören den Feinden der Kha’tan, den Vasachi, die mit Altersstarrsinn und roher Gewalt um die Vormacht auf dem Wasserplaneten kämpfen.

Die Erzählung Chatall Kha’tans gibt Einblick in das Leben auf Atlantis. Mit dem Auftauchen Donovan Lee Seymours, eines Elitemenschen aus der Zukunft der Erde, ändern sich schlagartig die Machtverhältnisse zugunsten der Kha’tan und zu Ungunsten der Vasachi.

Der Domine der Vasachi und seine geklonten Söhne, rächen sich grausam an Chatall und Donovan. Unter schwersten Folterungen löscht Donovan seine neuronalen Netzwerke und fällt wieder zurück auf ein Säuglingsniveau.

Chatall unterdessen ruft den Rat der Domine zusammen und schafft es, erstmals in der Geschichte so etwas wie eine atlantidische UNO zu installieren.

Als die künstliche Intelligenz Memnoc davon erfährt, was die Vasachi seinem Freund angetan haben, vernichtet sie die Vasachi.

Chatall beschließt, Donovan Lee Seymour auf die Erde zurück zu bringen, damit er sich dort wieder zu einem Menschen entwickeln kann.

Nun beginnt die nicht minder spannende Erzählung der Lehrerin Eva Kant, die vom Domine der Kha’tan unter Vertrag genommen wird, um für zwei Jahre auf einer kleinen Insel der Marquesas-Gruppe, den inzwischen wieder zum Vierjährigen herangereiften Donovan Lee Seymour, der nun nur noch Lee genannt wird, zu erziehen.

Lee durchläuft alle Entwicklungsphasen sehr rasch. In der Pubertät bildet er sich ein, der Sohn des Domine zu sein, der mit der nicht standesgemäßen Mutter auf jene einsame Insel verbannt wurde, die von atlantidischen Schutzschirmen gesichert ist. Sein Hass gegen die vermeintlichen Eltern ist grenzenlos. Da er nur seiner vermeintlichen Mutter habhaft werden kann, ergießt sich alle Verachtung über sie. Hochintelligent und gewalttätig versucht er Eva einmal sogar umzubringen, doch es gibt für beide kein Entrinnen von der Insel, bis das atlantidische Raumschiff nach zwei Erdenjahren wieder vom 11 Lichtjahre entfernten Planeten seinen Weg durch den Hyperraum findet. Kommunikation ist in dieser Zeit fast unmöglich. Dennoch schreibt Eva einige Fortschrittsberichte an ihren Domine, die auch dem Lesenden spannende Einblicke in das Zusammenleben der beiden Zurückgelassenen bietet.

Die der Planet Erde versinkt mittlerweile im Chaos. Tausende Menschen sehen in Chatall Kha’tan den neuen Messias und hoffen hysterisch, von ihm nach Atlantis mitgenommen zu werden. Gleichzeitig findet im Kopf von Donovan Lee Seymour ein wilder Kampf zwischen dem charismatisch-liebenswerten Donovan und dem genial-bösartigen Lee statt, den schließlich Donovan gewinnt, der nun aber auch Teile des aggressiven Lee in sich integriert.

Eine Naturkatastrophe jagt die andere. Von den USA spalten sich die Neuen Vereinigten Staaten des Heiligen Bundes ab, die unter allen Umständen an die Technologie der Atlantlantiden herankommen wollen. Die Franzosen, denen die Atlantiden die Schutzschirmtechnologie verkauft haben, müssen die gesamte Bevölkerung der Marquesas-Inseln evakuieren, damit sie nicht Opfer der wahnsinnig gewordenen Gottes-Gnaden-Amerikaner werden. Der Schutzschirm hält dem Beschuss stand und seine Energiekonverter verwandeln die thermische Energie der Bomben und Raketen zur Aufrechterhaltung der Schutzschirme.

Die Atlantiden kommen schließlich mit ihrer gesamten Raumflotte zurück um Eva und Donovan aus der inzwischen wahnsinnig gewordenen Welt zu retten und mit ihnen etwa viertausend handverlesene Wissenschaftler und Künstler mit ihren Familien.

Eva bricht mit dem Domine auf nach Atlantis, doch Donovan, der mittlerweile zu ihrem Geliebten geworden war und mit ihr seine Gedanken teilen konnte, was noch mehr Intimität und Intensität ermöglichte, als wir Erdenmenschen uns vorstellen können, muss auf den weißen Pfaden wieder zurück in die Zukunft um das Raum-Zeit-Kontinuum des Hyperraumes nicht zu gefährden.

Beinahe wäre alles gut gegangen, hätten nicht die bis auf die Zähne bewaffneten arabischen Staaten und die Israelis das aus dem Westen nahende Kugelraumschiff, die künstliche Intelligenz Memnoc, mit atomaren Waffen über dem Mittelmeer vernichtet. Memnoc verging in einem Feuerball, wie ihn die Erde noch nie gesehen hatte.

 

Schade, dass mich der Domine nicht mit den anderen Erdenbewohnern mit genommen hat auf seinen Planeten. Nur eines tröstet mich: Die fleißige steirische Autorin arbeitet bereits an der Fortsetzung und wird uns im nächsten Roman in die Welt Donovans – 400 Jahre nach unserer Zeit – entführen.

 

Dr. Herta Scheucher

http://www.herta-scheucher.at/